Erzählte Identitäten in den Raum gestellt

Doris Berger, kunstbulletin 2004

Moira Zoitl analysiert und verfolgt in ihrer künstlerischen Praxis Lebens- und Arbeitszusammenhänge von Frauen in unterschiedlichen städtischen und kulturellen Kontexten. Meist produziert sie Videos, die sich aus einer Mischung aus alltäglichen Handlungen, erzählten Geschichten und theoretischen Aussagen zusammensetzen. In den jeweiligen Ausstellungen bettet sie ihre Videos in szenische Rauminstallationen ein, die einerseits die gezeigte Arbeit inhaltlich kommentieren und andererseits die medialen Rezeptionsbedingungen mitdenken.

Moira Zoitl recherchiert Frauenbilder

«Ich glaube nicht so recht an das eigene Leben. Was immer es auch sein mag, so ist es bereits kolonialisiert von den Prinzipien und ästhetischen Idealen, welche die Gesellschaft dir anbietet. So etwas wie ein losgelöstes, abstraktes Selbst gibt es nicht.»

Diese Aussage stammt aus der nach dem Kunststudium in Wien entstandenen Videoarbeit «base mix», 1998, in der Moira Zoitl ihre eigene Situation als Künstlerin untersucht. Im Drehbuch vermischt sie subjektive und gesellschaftspolitische Bezüge im Hinblick auf die Rolle der Künstlerin in der Gesellschaft. Dafür analysiert und inszeniert sie mit ihrer Mutter als Darstellerin eine konkrete biografische Situation und stellt diese in einen zeitspezifischen Kontext. Denn auch Gloria Zoitl ist Künstlerin, konnte jedoch ihre künstlerische Arbeit aufgrund ökonomischer Zwänge als allein erziehende Mutter nur neben ihrem Beruf als Beratungslehrerin ausüben. Die biografischen Geschichten sampelt Moira Zoitl im Textskript für das Video mit Aussagen arrivierter Künstlerinnen, die sich über ihre Stellung als Künstlerinnen im Kunstsystem sowie in der Gesellschaft äussern. In einem fingierten Interview stellt Moira Zoitl an Gloria Zoitl Fragen, deren Antworten die Darstellerin von einer nicht sichtbaren Vorlage abliest. Das erklärt die holprig wirkende Gesprächssituation. Der durchaus strengen Inszenierung kommt in «base mix» eine wichtige formale und inhaltliche Rolle zu, in der Erinnerung als Kaleidoskop aus Anekdoten und Fakten verstanden wird. Weniger wird ein persönliches Porträt der Mutter als ein spezifisches Porträt der siebziger Jahre produziert. Moira Zoitl macht damit die Kunstgeschichtsschreibung, die sich auf ihr Rollenverständnis als Künstlerin auswirkt, in ihrer Konstruktion sichtbar. «Dabei geht es mir allerdings nicht so sehr darum, authentische Ereignisse abzubilden, sondern vielmehr darum, strukturelle Forschungen zu betreiben», sagt Gloria Zoitl im Video und damit zugleich Moira Zoitl über ihre Arbeitsweise im Drehbuch bzw. Valie Export über ihre künstlerische Praxis. Indem es keine Quellennachweise gibt, wird nie klar, wer gerade spricht. Insofern ist «base mix» eine gleichermassen auf Vorstellungen und Realität basierende Collage zur Rolle der Künstlerin in unserer Gesellschaft. In diesem Video, das momentan in der Gruppenausstellung «tätig sein» in der NGBK zu sehen ist, werden Themen und Arbeitsmuster vorgelegt, die als paradigmatisch für spätere Arbeiten von Moira Zoitl gesehen werden können.

Aufgeladene Lebensräume Recherchen über unterschiedliche Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen bildeten die inhaltliche Klammer der Einzelausstellung «liebe kollegin» im Kunstverein Wolfsburg, 2001. In der Videoarbeit «liebe kollegin ? der arbeitsplatz als lebensverhältnis» lässt Moira Zoitl drei Frauen über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sprechen. Als strukturierendes und kommentierendes Element setzt sie das flexible Sofamöbel «Duo Chair» der Firma Hülsta, das in den siebziger Jahren Einzug in viele deutsche Wohnzimmer fand, ein. Die damit verbundenen Begriffe des Wohlfühlens und der flexiblen Nutzung werden in der Rauminstallation «duo chair» fortgeführt, in der man bequem im Wohnzimmersetting sitzt und das Video betrachten kann.

Durch bestimmte räumliche Konnotationen sind gesellschaftliche Rollen der Frauen auch in gebaute Architektur eingeschrieben. In bürgerlichen Villen beispielsweise erzählen die Räume und ihre funktionellen Zuordnungen von unterschiedlichen Aufgaben der Geschlechter. So realisierte Adolf Loos im «Haus Müller», 1930, in Prag ein so genanntes «Zimmer der Dame». Dieses wurde als flexibler Raum gedacht, der aufgrund seiner Erhöhung im Haus eine Kontrollfunktion widerspiegelte. «Die Bewohner der Loos?schen Häuser sind sowohl Schauspieler als auch Zuschauer der Familienszene ? einbezogen, aber doch losgelöst von ihrem eigenen Raum.», bemerkt Beatriz Colomina. Moira Zoitl baut dieses «Zimmer der Dame» nach und interpretiert es als vielschichtig aufgeladenen Geschichtsraum, den sie mit ihren Erzählungen neu besetzt. In diesem Setting zeigte sie das Video «Ich war 0.doc», 2001, ein aus Anekdoten bestehender Rückblick Moira Zoitls, der anhand überlieferter und eigener Erinnerungen die Tochter-Mutter-Beziehung thematisiert. Das Video setzt sich aus zwanzig kurzen Geschichten zusammen, die jeweils einem Jahr ihres Lebens zugeordnet sind und von alltäglichen, lustigen und intimen Situationen erzählen. Zoitl spielt darin mit Distanz und Nähe im Hinblick auf autobiografisches Erzählen sowie mit der Konstruiertheit und Fiktionalität der Erinnerung. Ebenfalls im «Zimmer der Dame» wurde das Video «nur den moment im auge», 2003, gezeigt, das im Kontext der Gruppenausstellung «trautes heim» in der Galerie für zeitgenössische Kunst in Leizpig entstanden ist. Die Protagonistin Helga Mitchell ist Moira Zoitls Grossmutter, die in den fünfziger Jahren in leitender Position beim Bodenpersonal der SAS und später bei der UNO in den USA arbeitete. In zehn Kapiteln werden zum einen alltägliche Handlungen der 81-jährigen Frau gezeigt und zum anderen Interviews mit ihr über ihre erste Liebe, ihre Karriere und das Leben in zwei Kulturen sowie das Älterwerden.

Gebrochen Authentisches

Den skizzierten Arbeiten ist die (auto-)biografische Vorgehensweise gemein sowie die enorme Konstruiertheit in der formalen Struktur der Videos. Der emotionalen Nähe zwischen den Protagonistinnen und der Künstlerin und der vermeintlichen Authentizität der erzählten Geschichten wird mit stilistischen Mitteln entgegengewirkt, um dem Dokumentarischen den Wahrheitsanspruch und dem Autobiografischen die private Involviertheit zu nehmen. In diesem Sinne benützt sie biografische Methoden als Hilfsmittel, um einerseits Menschen und ihre Geschichten in den jeweiligen Zeitverhältnissen darzustellen und andererseits eine bestimmte gesellschaftliche Situation zu beleuchten.

So arbeitet die Künstlerin seit 2002 an Geschichten über philippinische Arbeitsmigratinnen in Hongkong und London. Während eines Aufenthalts stiess sie in Hongkong auf philippinische Migrantinnen, die sich jeden Sonntag ? ihrem einzigen freien Tag ? an öffentlichen Plätzen im Finanzdistrikt von Central treffen. Wochentags sehr belebt, ist dieses Viertel ausserhalb der Bürozeiten wie ausgestorben. Die Frauen sind dort umso sichtbarer, da ihr massives Auftreten im öffentlichen Raum nicht erwartet wird. Als Kindermädchen, Haushälterinnen und/oder Putzfrauen tätig, wird von ihnen gefordert, sich so unauffällig wie möglich in ein fremdes, privates Umfeld einzugliedern. Ihre Privatsphäre geht somit in der ihrer Arbeitergeber auf. Ausgehend vom visuell und gesellschaftlich eindrücklichen Zeichen der Frauen, Orte temporär zu besetzen und sich in einer Stadt sichtbar zu machen, begann die Künstlerin, sich mit der Lebens- und Arbeitssituation philippinischer Migrantinnen zu beschäftigen. Sie produzierte die Publikation «Cha(t)ter Gardens. Stories by and about Filipina workers», in der sie biografische Erzählungen der Filipinas mit politischen Fakten und verschiedenen Fotografien zusammenbringt. Dieses Projekt fungiert zugleich als Plattform, auf der unterschiedliche Äusserungen und Recherchen zum Thema möglich sind. So porträtierte sie für die Gruppenausstellung «The Bourgeois Show» im Dunkers Kulturhus in Helsingborg, 2003, die aus den Philippinen kommende Reinigungskraft der Kunstinstitution und brachte deren Arbeitsalltag mit der migrantischen Situation in Schweden in Verbindung. Da die vorher erwähnte Publikation auch auflag, konnte die Situation der Reinigungskraft vor Ort mit anderen Geschichten aus Hongkong und London verglichen werden. Der künstlerische Beitrag liegt in der multiperspektivischen Repräsentation philippinischer Migrantinnen, die nicht nur als Opfer dargestellt, sondern auch aktiv in ihrem jeweiligen Lebensumfeld gezeigt werden.

In Moira Zoitls Arbeiten werden individuelle Geschichten als Spiegel bestimmter gesellschaftlicher Zusammenhänge verstanden. Durch die Koppelung von biografischen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen vermeidet es die Künstlerin, in die Falle der Überbewertung biografischer Zusammenhänge zu tappen. So bietet Moira Zoitl in ihren filmischen und räumlichen Umsetzungen vielfältige Einstiege in komplexe, gesellschaftspolitische Themen, die auf unterschiedlich erfahrbaren Ebenen die Kodiertheit von Frauenrollen bearbeiten.