Nur den Moment im Auge

Maren Lübbke-Tidow, Katalog / catalogue «Trautes Heim» 2004

dt/engl
„Nur den Moment im Auge” hatte Helga Mitchell, als sie 1941 einen beruflichen Weg einschlug, der die Anglistik-Studentin wider Erwarten und entgegen aller Karriereabsichten schon bald von Deutschland über Österreich nach Amerika führen sollte. Im gleichnamigen Film von Moira Zoitl, der Enkelin der Protagonistin, wird deutlich, dass sich gerade in dieser Zeit zwischen 1940 und 1960 mit Helga eine Persönlichkeit mit vielen inneren Widerständen und Brüchen entwickelt – Jahre, die bis heute nachwirken und die prägend sind, auch weil sich von hier aus eher unbewusst ein emanzipatorischer Lebensweg entfaltet. Diese Zeit ist geprägt vom puren Überlebensdrang in der Nachkriegszeit und von problematischen ersten Beziehungsgeflechten im Heimatland einerseits, andererseits aber auch von ersten eigenen beruflichen Erfahrungen im fremdsprachigen Ausland – positive Erlebnisse, die ihr Power geben und den Mut, eine Idee vom selbstbestimmten Leben entgegen tradierter Rollenbilder zu entwickeln und an ihr auch festzuhalten. „That’s why the lady is a tramp”, gibt Frank Sinatra leitmotivisch vor, und man spürt, dass dieser Satz bis heute Gültigkeit hat im Leben von Helga Mitchell, deren Biographie im konkreten wie im ¸bertragenen Sinne geprägt ist von Ankunft und Abreise in verschiedenen kulturellen und auch privaten Kontexten und der stetigen Reflexion, wie die eigene Person und Persönlichkeit sich in diesen verschiedenen Zusammenhängen mal mehr, mal weniger wiederfindet – und in ihnen zurechtkommt. Das trefflichste Bild hierfür findet sich vielleicht in Helgas Berichten zum Arbeitsklima Europa versus Amerika: In Amerika kann sie plötzlich und unerwartet feststellen, dass gleichberechtigtes Arbeiten möglich ist und Chancengleichheit schon längst ein Thema, wohingegen die Arbeitszusammenhänge in Österreich und Deutschland (erst im Rückblick) aufgrund der männlichen Dominanz als unbefriedigend und benachteiligend empfunden werden. Trotzdem wird Amerika nicht verklärt. Gerade der gegenwärtigen Politik erteilt Helga eine scharfe Absage – und ist doch absurderweise gleichzeitig so stark Teil dieses Landes und seiner Kultur: Im schwarzen Badeanzug sehen wir sie vorm typischen amerikanischen Swimmingpool für die Kamera posieren, und sie entspricht damit exakt unseren inneren Bildern, die wir von Amerika und seinen BewohnerInnen haben.

Der Blick, den Moira Zoitl auf ihre Großmutter richtet, ist ein ausschließlich liebevoller und respektvoller, man spürt: auch für die eigene Sozialisation als Mensch und als Künstlerin ist die Biographie und der Habitus der Großmutter von Bedeutung. Beiläufiges wie Radfahren, Kofferpacken oder Make-up/Haare kämmen wird genauso sorgsam in Szene gesetzt wie die Interview-Situationen, in denen Helga Auskunft gibt über erste sexuelle Erfahrungen, Beziehungsstrukturen zu Eltern und Liebhabern, beruflichen Werdegang, über das Altern und über die eigene politische Einstellung – und das damit verbundene Leben in zwei Kontinenten. Die Widersprüche, die sich an manchen Stellen in der Person auftun – emanzipatorische Ansprüche (im Arbeitsleben) einerseits, das Festhalten an tradierten Rollenbildern (in privaten Beziehungen) andererseits – werden bewusst nicht zu einem runden Bild geglättet, gerade die Widerstände und Brüche machen die Figur der Großmutter interessant, sympathisch – und menschlich.
Der Film hat dokumentarischen Charakter, ist aber biographisch nicht lückenlos oder stringent, vielmehr greift er einzelne Momente im Leben von Helga heraus, die der Künstlerin in ihrer Wahrnehmung dieser für sie so wichtigen Person paradigmatisch erscheinen.

Dass es Moira Zoitl ein Anliegen ist, jene private Dimension oder hier: Beziehung immer auch zu kontextualisieren bzw. zu problematisieren und in Zusammenhang zu bringen mit spezifischen gesellschaftlichen Zuschreibungen und Rollenbildern, zeigt sich in der Entscheidung, ein entsprechendes Setting für die Präsentation des Films (und übrigens auch für andere ihrer Filme) zu entwerfen. Dieses ist ihr gelungen in der Rekonstruktion eines Raumes, den Adolf Loos als das „Zimmer der Dame” 1930 für das Haus Müller in Prag konzipierte, ein Raum, der Moira Zoitl als Bühne für ihre Filme dient und der von ihr für verschiedene Präsentationen und Ausstellungszusammenhänge immer wieder neu ausgestattet wird.

Im Originalentwurf von Loos befindet sich dieses „Zimmer der Dame” auf einem anderen Niveau als die übrigen Zimmer des Hauses, es ist umgeben von Treppen zwischen die Stockwerke geklemmt. Dadurch ergibt sich eine Art Haus-im-Haus-Situation. Die schneckenhausartige Konstruktion bietet Rückzugsmöglichkeiten in eine private Sphäre, verweigert aber gleichermaßen die direkte Anteilnahme am restlichen gesellschaftlichen Leben. Der Raum funktioniert aber auch als eine Art Kontrollposten: Aus einer Innenperspektive kann der Blick durch ein Fenster auf ein Außen (im Original auf das Wohnzimmer der Familie, in der Nachbildung durch Zoitl im Ausstellungszusammenhang auf die Halle) geworfen werden. Ein perfektes Sinnbild für Moira Zoitls Themen, in denen private Biographien immer mit einem gesellschaftlichen Außen in ein Spannungsverhältnis gesetzt werden. Moira Zoitl hat einen Teil dieses erhöhten Raumes maßstabgetreu nachgebildet. Im Ausstellungskontext wirkt dieser Raum wie ein geschlossener, abweisender Körper, aber eben auch wie eine Nische. Diese Doppelfunktion macht sich Moira Zoitl zueigen: Die Sitzbänke im Innenraum hat sie für die Präsentation von „Nur den Moment im Auge” mit Blümchenstoff ausgestattet („Helga liebt geblümte Stoffe”), um eine Atmosphäre zu schaffen, in der von Helga ungestört und intim erzählt werden kann und um zu unterstreichen, dass es sich hier um eine spezifisch weibliche Biographie handelt, die ihren Raum braucht und auch beansprucht. Diese Intimsphäre wird unterstrichen durch das Einrichten einer Vitrine, in denen sich private Gegenstände von Bedeutung aus dem Haushalt Helgas (wie eine Augenklappe, ein Schulaufsatz, ein Geschenk von den Eltern aus der Heimat) sowie Mitbringsel und Geschenke für Moira aus Amerika befinden – Herkunft und Bedeutung werden von der Künstlerin in einem Faltblatt kommentiert. Die eingebauten Fenster hingegen ermöglichen den Blick auf ein Außen und auf sich verändernde Bedingungen – mit Helgas Worten ausgedrückt, als sie sich auf den Weg ins unbekannte Amerika machte: „… in diesem Rahmen habe ich mich sehr wohl gefühlt… mehr mit dem Gefühl mich umzuschauen und um zu sehen, wie die Sache da draußen läuft.”

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engl
”Nur den Moment im Auge” (An eye to nothing but the moment) is what Helga Mitchell had when in 1941 she set off on a professional path which was soon to lead this English studies student, against expectations and contrary to all her career aspirations, from Germany via Austria to America. In the film of the same name by Moira Zoitl, the protagonist’s granddaughter, it becomes clear that precisely in this time between 1940 and 1960 Helga developed a personality with many inner conflicts and fractures. These years continue to have an effect to this day, and were formative not least because from this point, usually unconsciously, an emancipating journey through life unfolds. This time is characterised by the pure urge to survive in the post-war period, and by problematic first relationship entanglements in her home country and her own first professional experiences in a different country with a foreign language – positive experiences which give her power and the courage to develop an idea of a self-determined life contrary to traditional role models, and also to hold fast to it. „That’s why the lady is a tramp,” as Frank Sinatra expresses the leitmotiv, and one feels that this phrase is valid to this day in the life of Helga Mitchell, whose biography, both in a concrete and in a figurative sense, is characterised by arrival and departure in various cultural and private contexts, and by the continuing reflection on how her own person and personality re-attain themselves now more, now less in these different situations – and cope with them. The best image for this can perhaps be found in Helga’s reports on the working climate in Europe versus America: in America she is suddenly and unexpectedly able to observe that equal rights at work are possible and that equality of opportunity has long been a theme, whereas the working conditions in Austria and Germany (in retrospect) are seen as unsatisfactory and disadvantageous because of male dominance. In spite of this America is not idealised. Helga sharply rejects current politics particularly – and absurdly is at the same time so strongly a part of this country and its culture: we see her posing for the camera in a black bathing suit in front of a typical American swimming pool, corresponding exactly to the inner images we have of America and its inhabitants.

The gaze Moira Zoitl directs at her grandmother is an exclusively loving and respectful one. One senses, that the biography and attitude of her grandmother is important for her own socialisation as a person and as an artist. Incidentals such as cycling, packing suitcases or makeup and hair combing are filmed as carefully as the interview situations in which Helga talks about her first sexual experiences, relationship structures with parents and lovers, her professional career, about getting old and her own political attitude – and the life on two continents connected with it. The contradictions which arise at certain points in her as a person – emancipatory claims (in working life) on the one hand, holding fast to traditional role models (in private relationships) on the other – are deliberately not smoothed into a rounded image; it is precisely he conflicts and fractures which make the grandmother’s figure interesting, sympathetic – and human.
The film has a documentary character but is not biographically comprehensive or compelling; rather it picks out individual moments in Helga’s life which seem paradigmatic to the artist in her perception of this person who is so important to her.

That it is a matter of concern to Moira Zoitl always to contextualise or expound the problems of this private dimension – or in this case relationship – and bring it into context with specific social attributions and role models can be seen in the decision to design an appropriate setting for the presentation of the film (and incidentally also for others of her films). She has succeeded in doing this in her reconstruction of a room which Adolf Loos conceived as the „Zimmer der Dame” in 1930 for the Müller house in Prague, a room which serves Moira Zoitl as a stage for her films, and which she constantly redecorates for different presentations and exhibition contexts. In Loos’s original design this „Zimmer der Dame” is situated on a different level to the other rooms in the house; it is braced between the storeys, surrounded by stairs. This results in a kind of house-within-a-house situation. The snail-shell-like construction offers the possibility of retiring into a private sphere, but equally prevents direct participation in wider social life. The room also functions as a sort of control post: from an inner perspective an exterior (in the original the family living room, in the replica by Zoitl in the exhibition context the hall) can be observed. A perfect symbol for Moira Zoitl’s subjects, in which private biographies are always set in a relationship of tension with a social exterior. Moira Zoitl has reproduced a part of this raised room to scale. In an exhibition context this room has the effect of a closed, rejecting body, but also that of a niche. This double function Moira Zoitl has adopted as her own: she fitted the benches in the interior with flowered material for the presentation of „Nur den Moment im Auge” („Helga loves flowered fabrics”) to create an atmosphere in which Helga’s story can be narrated undisturbed and intimately, and to emphasise that this is about a specifically female biography which needs and indeed demands its space. This intimate sphere is emphasised by the installation of a showcase containing private objects of significance from Helga’s household (such as an eyeshade, a school essay, a present from the parents in the old country) as well as souvenirs and presents for Moira from America – origin and significance are commented on by the artist in a handout. The installed windows on the other hand permit a view of an exterior and of changing conditions – expressed in Helga’s words as she was setting off for unknown America: „… I felt very happy in this framework … more with the feeling of looking around and seeing how thing’s work out there.”

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