fliehkraft

Installation
Ausstellung / Exhibition: Aussicht auf Veränderungen – Kunst-Parcours quer durch Hamburg entlang der S-Bahn Linie 3, Akademie einer anderen Stadt, Kunstplattform der IBA Hamburg 2010

Film
Buch, Regie / Script, Directing: Moira Zoitl
Kamera / Director of Photography: Doro Carl, Ralf Hoedt
Schnitt / editing: Clarissa Thieme
Tonmischung / Rerecording Mixer: Christian Obermaier
Mit / with: Ahmad Anwari, Yosufi Nagip, Sema Aksoy (Änderungs-Atelier Fam. Aksoy, Levantehaus Hamburg), Moira Zoitl

HD Video 14:00 min, 16:9, dt, D 2010

dt/ engl
Die ersten „Gastarbeiter“, die in den 1950er Jahren nach Deutschland kamen, trugen bei der Ankunft meist ihren besten Anzug. Wagemut, Risikofreude und Unsicherheit war ihnen gleichermaßen ins Gesicht geschrieben, wenn Freunde aus der alten Heimat sie fotografierten.
Die Wahl der „an-gemessenen“ Kleidung für die weite Reise ist der Ausgangspunkt von Moira Zoitls Film „fliehkraft“. Denn es wurde nicht zufällig der beste Anzug für die weite Reise gewählt. Migration ist ein ernstes Vorhaben, das von ambivalenten Gefühlen begleitet wird: Trauer um die verlassene Heimat, Sorge über die unsichere Zukunft, bange Erwartungen, aber auch Neugier und Abenteuerlust.

Ahmad Anwari und Yosufi Nagip, zwei Schneider, die aus Kabul nach Deutschland emigriert sind und im Änderungsbetrieb Aksoy im Levantehaus (Hamburg) arbeiten, haben für Moira Zoitl einen Anzug genäht. Alle Umstände der Anfertigung dieses Anzugs spiegeln den Vorgang der Auswanderung – über die Herr Anwari berichtet. Zurückhaltend begleitet die Kamera die Herstellung vom ersten Moment des Maßnehmens bis zur letzten Anprobe. Das Schneidern des Anzugs erscheint als Analogie zum Reisen: Das Vermessen des Körpers spiegelt das Durchmessen der Distanz zwischen Heimat und Reiseziel. Das Zuschneiden des Stoffes steht für den Aufbruch und das stückweise Vernähen und Verbinden der Teile weist auf die Annäherung ans Reiseziel. Die manchmal mühsame Gewöhnung an die neue Umgebung mag sich anfühlen, wie das erste Tragen eines noch fremden Kleidungsstücks: Man erkennt sich darin noch nicht wieder und kann die Wirkung auf andere nur schwer einschätzen.

Moira Zoitl schafft mit ihrem Film eine performative Analogie für den persönlichen Wandlungsprozess desjenigen, der seine Heimat für eine ungewisse Fremde hinter sich lässt.

Ute Vorkoeper

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engl
The first „guest workers“, who came to Germany in the 1950s, mostly wore their best suits for their arrival. Daring, a willingness to take risks, and insecurity were visible in equal parts on their faces when friends from their old country took their photographs. The choice of „fitting“ clothes for the long trip is the point of departure for Moira Zoitl’s film Flight Strength. For it was no coincidence that the best suit was chosen for the long trip. Migration is a serious undertaking accompanied by ambivalent emotions: grief for the homeland left behind, worry about an uncertain future, anxious expectations, but also curiosity and adventurousness.

Ahmad Anwari and Yosufi Nagip, two tailors who emigrated to Germany from Kabul and work in the alterations business Aksoy in the Levantehaus, a small shopping mall in Hamburg, sewed a suit for Moira Zoitl. All the circumstances surrounding the manufacture of the suit mirror the process of emigration, which Mr. Anwari talks about. Cautiously, the camera follows the production from the first instance of measurement-taking until the last fitting. The tailoring of the suit appears as an analogy to traveling: the measuring of the body mirrors figuring out the distance between home and destination. The cutting of the fabric symbolizes the departure, and the piece-by-piece sewing and connection of the parts represents the approach of the destination. The sometimes arduous adaptation to the new environment might feel like wearing a still unfamiliar piece of clothing for the first time: one doesn’t recognize oneself in it yet, and also has difficulties estimating the effect on others.

With her film, Moira Zoitl creates a performance analogous to the personal transformational process experienced by someone who leaves his homeland behind for an uncertain foreign locale.

Ute Vorkoeper